Weltautismustag 2026
Psychische Gesundheit braucht Neurodiversitätskompetenz
Zum Welttag Autismus am 2. April weist Autismus Rhein-Main e.V. auf strukturelle Defizite in der psychiatrischen Versorgung hin.
Frankfurt am Main, 26. März 2026 – Anlässlich des Welttages Autismus am 2. April macht Autismus Rhein-Main e.V. auf grundlegende Herausforderungen im Umgang mit autistischen Menschen in der psychiatrischen Versorgung aufmerksam. Hilfesysteme, die neurodivergente Wahrnehmungs- und Verarbeitungsweisen nicht systematisch berücksichtigen, lassen erhebliches Präventionspotenzial ungenutzt.
Autistische Menschen sind überdurchschnittlich häufig von Depressionen, Angststörungen und suizidalen Krisen betroffen: Einer aktuellen Meta-Analyse zufolge berichtet knapp ein Viertel der autistischen Menschen ohne begleitende Intelligenzminderung von Suizidversuchen oder suizidalem Verhalten. Zugleich sind sie in psychiatrischen Einrichtungen deutlich überrepräsentiert: Laut einer britischen Studie liegt ihr Anteil im stationären Bereich bei rund zehn Prozent – bei einer geschätzten Prävalenz von ein bis zwei Prozent in der Gesamtbevölkerung. „Viele autistische Menschen landen in der Psychiatrie, ohne dass Autismus als zentraler Kontext mitgedacht wird. Das führt zu Fehldiagnosen und Behandlungsansätzen, die an den Ursachen vorbeigehen“, erklärt Julia Seidel, geschäftsführende Vorständin des Vereins.
Blindstellen in der Diagnostik: Mädchen werden häufig übersehen
Wie tief diese Problematik reicht, wurde durch eine aktuelle bevölkerungsbasierte Registerstudie aus Schweden deutlich. Sie zeigt, dass Autismus bei Mädchen und Frauen zwar ähnlich häufig diagnostiziert wird wie bei Jungen und Männern, jedoch oft viel später. Mädchen erhielten eher Diagnosen wie Angststörungen, bipolare Störungen und Depressionen.
Psychiatrische Versorgung häufig nicht passgenau
In der psychiatrischen Praxis werden Depressionen, Angststörungen oder emotionale Krisen häufig isoliert behandelt, ohne Autismus als möglichen Hintergrund systematisch zu berücksichtigen. Die Fachliteratur beschreibt dieses Phänomen als „diagnostic overshadowing“, bei dem autistischen Ausprägungen in der Diagnostik übersehen oder fehlinterpretiert werden.
„Viele Betroffene berichten, dass klassische Behandlungsansätze nicht funktionieren oder gar zu einer Verschärfung der Probleme führen. Ein Psychiatrieaufenthalt kann so zu einer traumatischen Erfahrung werden“, betont Regina Kucharski, Vorstandsmitglied und Autistin.
Prävention durch autismuskompetente Unterstützung
Autismus Rhein-Main e.V. sieht in einem bedarfsgerechten Zugang zu Diagnostik und angepassten Unterstützungsangeboten ein bislang unzureichend genutztes Präventionspotenzial. Die wissenschaftliche Datenlage zur psychischen Gesundheit autistischer Menschen ist insgesamt noch begrenzt. „Wir wissen aus der Forschung, dass angepasste Unterstützungsangebote autistischen Menschen helfen können, psychische Belastungen besser zu bewältigen – dieses Potenzial wird bislang zu selten genutzt“, erklärt Regina Kucharski.
Der Verein fordert daher den Ausbau autismus- und neurodivergenzbezogener Fachkompetenz in Psychiatrie und Psychotherapie, angepasste therapeutische Konzepte sowie die Einbindung autistischer Menschen in die Weiterentwicklung von Versorgungsstrukturen.
Der Welttag Autismus erinnert daran, dass neurologische Vielfalt zur gesellschaftlichen Realität gehört. Psychische Gesundheit lässt sich nur sichern, wenn Hilfesysteme dies konsequent berücksichtigen – insbesondere in Diagnostik, Prävention und psychiatrischer Versorgung.
Über Autismus
Autismus ist eine angeborene und lebenslange Ausprägung der neurologischen Entwicklung, die beeinflusst, wie Menschen wahrnehmen, Informationen verarbeiten, kommunizieren und soziale Beziehungen gestalten. Der Unterstützungsbedarf ist individuell sehr unterschiedlich. Psychische Belastungen entstehen häufig an der Schnittstelle zu einer neurotypisch organisierten Umwelt – etwa durch Anpassungsdruck, Reizüberlastung und fehlende Unterstützung.Über Autismus Rhein-Main e.V.
Autismus Rhein-Main wurde 1976 in Frankfurt am Main gegründet und zählt zu den größten Regionalverbänden des Bundesverbandes Autismus Deutschland. Der Verein engagiert sich in den Bereichen Aufklärung, Beratung, Selbsthilfe und politische Interessenvertretung für autistische Menschen und ihre Angehörigen. Ein zentrales Ziel ist die Entwicklung einer hessischen Autismusstrategie, um eine frühzeitige, bedarfsgerechte Versorgung sowie selbstbestimmte Teilhabe autistischer Menschen in allen Lebensbereichen zu sichern.
Über Autismus Rhein-Main e.V.
Autismus Rhein-Main wurde 1976 in Frankfurt am Main gegründet und ist mit etwa 1.100 Mitgliedern der größte der Regionalverbände des Bundesverbandes Autismus Deutschland. Der Verein engagiert sich in den Bereichen Aufklärung, Beratung, Selbsthilfe und politische Interessenvertretung für autistische Menschen und ihre Angehörigen. Ein zentrales Ziel ist die Entwicklung einer hessischen Autismusstrategie, um eine frühzeitige, bedarfsgerechte Versorgung sowie selbstbestimmte Teilhabe autistischer Menschen in allen Lebensbereichen zu sichern.
Pressekontakt:
Julia Seidel
Autismus Rhein-Main e.V.
Tel: 069 789 46 61
E-Mail: julia.seidel@autismus-rhein-main.de
Sonnemannstraße 3
60314 Frankfurt am Main
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